Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) kritisiert die geplanten Einsparungen im Gesundheitswesen und verlangt, die ambulante Psychotherapie künftig außerhalb der Budgetgrenzen zu vergüten. Im Zentrum steht der Erhalt des sogenannten Direktzugangs: Patientinnen und Patienten sollen weiterhin ohne vorherigen Arztbesuch einen Therapieplatz suchen können.
Drei Punkte zeigen, worum es dabei konkret geht:
- Eine Petition des Netzwerks für den freien Zugang zur Psychotherapie wurde von mehr als 37.000 Menschen unterzeichnet.
- Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht ein Primärarztsystem vor, bei dem gesetzlich Versicherte zuerst den Haus- oder Kinderarzt aufsuchen müssten.
- Laut dem Netzwerk warten momentan etwa 8.000 Interessierte auf eine Weiterbildungsstelle, obwohl pro Jahr lediglich 430 Plätze an Absolventinnen und Absolventen vergeben werden.
Was hinter der Forderung zum Direktzugang zur Psychotherapie steckt
Der DPNW-Vorstandsvorsitzende Dieter Adler warnt, dass wirtschaftlich unattraktive Therapiestunden aus der Versorgung verschwinden könnten, wenn die geplanten Sparmaßnahmen umgesetzt werden. Werden Therapiestunden unrentabel, würden Patienten das laut Adler an längeren Wartezeiten bemerken. Das Netzwerk sieht zudem die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung weiterhin als ungelöst an und warnt, dass zu wenige Weiterbildungsplätze mittelfristig zu Versorgungsengpässen führen könnten, wenn Fachkräfte für die ambulante Versorgung fehlen.
Für wen der Direktzugang zur Psychotherapie wichtig ist
Besonders betroffen wären Menschen mit akuten psychischen Beschwerden. Das DPNW weist darauf hin, dass psychische Erkrankungen häufig mit Hemmschwellen verbunden sind, sodass Betroffene ohnehin nur schwer Hilfe suchen. Nach Einschätzung des Netzwerks würde eine zusätzliche Station beim Arzt dazu führen, dass Betroffene in akuten Krisen entweder länger auf Hilfe warten müssten oder den Weg zur Therapie gleich ganz meiden. Bei schweren Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen sei gerade die frühe, direkte Behandlung entscheidend für den Therapieerfolg, betont das Netzwerk.
Ablauf: Die psychotherapeutische Sprechstunde als Einstieg
Aktuell führt der Weg in eine Behandlung über die psychotherapeutische Sprechstunde, die das Netzwerk als fachliche Ersteinschätzung begründet. Eine zusätzliche, verpflichtende Vorschaltstufe beim Haus- oder Kinderarzt wertet das DPNW dagegen als neue Hürde für Hilfesuchende. Nach Darstellung des Netzwerks könnten Psychotherapeuten diese Erstkontaktfunktion für psychisch erkrankte Patienten bereits selbst übernehmen, wodurch ein zusätzlicher Arzttermin überflüssig würde.
Risiken und Kosten einer Umstellung
Das Netzwerk fordert, dass bereits begonnene und genehmigte Therapien über das Jahr 2027 hinaus verlässlich finanziert werden. Adler fordert zudem Finanzierungssicherheit für Praxen, wenn Patienten gleichzeitig Versorgungssicherheit versprochen werde. Mehrere Psychotherapeutenverbände haben sich bereits gegen eine verpflichtende Primärarzt-Überweisung ausgesprochen und warnen vor einer schlechteren Versorgung psychisch erkrankter Menschen. Das DPNW berichtet, dass Wartezeiten für Psychotherapie in vielen Regionen schon jetzt erheblich sind, und befürchtet, dass Hausärzte als zusätzliche Gatekeeper wirken und den rechtzeitigen Zugang zur Behandlung erschweren könnten.
Georg Kippels, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, teilte dem Petitionsausschuss mit, das Primärarztsystem befinde sich bislang erst in der konzeptionellen Planungsphase. Eine endgültige Entscheidung steht damit noch aus.
Bild: Symbolbild, KI-erzeugt.